DURCHDRINGEN: Schamanisch magische Heilarbeit, Reinigung, Kraft, Schutz und Weissagung

Die heilsame Kraft des Schamanismus

1. Die Anderswelt

Flammarions Holzstich, 1888
Jakobsleiter, Wenzel Hollar (1607-1677)

Das schamanische Weltbild beschreibt grundsätzlich zwei Wirklichkeiten. Es gibt eine materielle und eine immaterielle Wirklichkeit, die Anderswelt.

Der Begriff materielle Wirklichkeit umfasst alle physikalisch beschreibbaren Objekte, also das, was wir um uns herum fassen können – die Materie in Raum und Zeit.
Der Raum und die Zeit zeigen in der klassischen Physik keine Wechselwirkung, beeinflussen sich sozusagen nicht gegenseitig und sind unendlich ausgedehnt. Einstein ging jedoch einen Schritt weiter und definierte Raum und Zeit als Einheit, die sich flexibel miteinander bewegen und schuf den Begriff Raumzeit. Der Raum ist jedoch nicht leer, er besteht aus einer Menge fluktuierender Felder und Teilchen, „ein Gewebe von Energien, dem durch intelligenten Geist Form gegeben wurde.“1

Dieser, aus dem Zitat von Max PLANCK erwähnte intelligente Geist, „der Urgrund aller Materie“, ist vergleichbar mit der immateriellen Wirklichkeit, der Anderswelt. Es ist das, was Materie belebt, es ist das, was für unsere zwei Augen unsichtbar ist, es ist das, was wir begreifen dürfen, denn es ist die Energie, die uns umgibt. Es ist das, was allem innewohnt.

Im schamanischen Weltbild ist nämlich alles beseelt, alles ist belebt, alles hat eine Seele. Die Seele umhüllt und durchdringt jede Materie. Ich nenne sie die Seelenblase.

2. Die Kosmologie und die Achse zwischen den Welten

Jakutischer Schamane
Northern Antiquities, Oluf Bagge, 1847
Yggdrasil mit Tieren, 17. Jh.

Das schamanische Weltbild beschreibt aber auch ebenso mehrere Welten. Es existieren eine Untere Welt, eine Mittlere Welt und eine Obere Welt. Jedoch beschreiben unterschiedliche Schamanismen auch verschiedene Welten. So erzählen beispielsweise die Mythologien unserer nordeuropäischen Vorfahren, von neun Welten außerhalb des Sichtbaren.2 Alle eintjedoch eine verbindende Achse, auf der die schamanisch praktizierende Person in die unterschiedlichen Welten reist, um Rat zu bitten und Weisheit zu erlangen.

Diese verbindende Achse, die Weltenachse (lat. axis mundi) oder Weltenäule, Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis, Weltenbaum Yggdrasil, Irminsul oder goldene Pfahl, um nur ein paar Namen zu nennen, steht im Mittelpunkt des Daseins, verkörpert das Leben in seiner gesamten Ganzheit und ist der Pfad in den Himmel zum „Erwachen des menschlichen Geistes“. Die Ursprünge einer Weltensäule lassen sich auf die zirkumpolaren Völker zurückführen, die den Polarstern als eine Art Nagel, der den Himmel zusammenhält, begriffen. Dieser Nagel wird von der Weltensäule gestützt.3 Dort, wo die Weltensäule die Erde berührt, ist ein zentraler heiliger Platz. Dieser zeigt sich entweder als ein heiliger Baum oder als heiliger Berg, als heiliger Pfosten in der Mitte eines Hauses oder als Rauchabzugsloch eines Zeltes.

„Diese Achse gilt als „Öffnung“, als „Loch“; durch dieses Loch steigen die Götter auf die Erde herab und die Toten in die unterirdischen Gefilde, durch dieses Loch vermag die Seele des in Ekstase befindlichen Schamanen aufzufliegen oder abzusteigen, wie er es bei seinen Himmels- und Unterweltsreisen bedarf.“4 ( Mircea ELIADE)

Die schamanisch praktizierende Person steigt sozusagen „hinauf/hinab zu den Göttern und Geistern“, um Wissen zu erlangen.

Sidefact: Laut einer Hypothese kann man das Wort „Schamane/Schamanismus“ auf das Wort sam zurückführen, das der altaischen Sprachfamilie entspringt und so viel wie „sich rühren, während man die Hinterbeine bewegt“ bedeutet und unter anderem auch dem Wort šaman, was so viel wie „jemand, der weiß“, „jemand, der erregt, bewegt, erhoben ist“ bedeutet.5

3. Die Götter, Geister und Wesen der Anderswelt

Odin reitet Sleipnir, 18. Jh.
Alraune, Holzschnitt, Johannes de Cuba, ~1498
Alraunenernte, Tacuinum Sanitatis, ~1390

Wie nun die Energie der Geister und Götter begriffen wird, ist abhängig vom kulturellem Ursprung und Verständnis. Beispielsweise verkörpert im Hinduismus der Gott Shiva die Unendlichkeit und das höchste Bewusstsein. Er ist einer der Hauptgötter und hat 1008 Namen.6 In der nordeuropäischen Tradition ist der Gott der vielen Namen, Oðinn der Schamanengott, der für Geist/Seele/Bewusstsein steht.7 Zeus, der griechische Göttervater ist das denkende Feuer, die Urkraft der kosmischen Vernunft, das Nous (Geist, Intellekt, Verstand).8 Aber auch der römische Jupiter wurde mit verschiedenen Beinamen verehrt und wurde als Lichtbringer bezeichnet.9 In anderen indigenen Schamanismen werden göttliche/geistige Energien mit Tieren assoziiert. Beispielsweise könnte der Adler für Scharfsinn und somit auch für das Bewusstsein stehen.

Meiner Erfahrungen zufolge zeigen sich manche Energien personifiziert, andere wiederum als reine Lichtquelle oder weisen mir als einströmendes Körpergefühl den Weg.

Doch sind es nicht nur diese Archetypen, die Ur-Typen, das Ur-Bild des Menschseins, die um Hilfe gebeten werden, sondern auch Wesenskräfte (Phainomena – ein sich Zeigendes, ein Erscheinendes), die in Bäumen, Kräutern und Blumen, Felsen und Bergen, Quellen und Seen … „wohnen“. Wesenskräfte, die dieser Natur innewohnen und die Natur zum Leben erwecken.

Die Wirklichkeiten und Welten sind miteinander verwoben und beeinflussen einander. Alles ist beseelt, alles ist mit allem verbunden. Eine kundige Person kann von diesen Kräften lernen und diese Kräfte nutzen, um diese Kräfte hier, in der materiellen Wirklichkeit, zu manifestieren, im Sinne der Heilung, des Ganzwerden und Gesunden.

4. Die heilige Ekstase

Ewenki Schamane, Witsen, 1785 (Image credit: Aimée Little et al.)
Tempelschlaf, Weiherelief an Asklepios, 400 v.u.Z.

Der rumänischen Religionswissenschaftler Mircea ELIADE bezeichnete den Schamanismus als „Technik der Ekstase“.10

„Schamanen wären Menschen, die sich mit Hilfe von Ekstasetechniken auf transzendenten Wegen in metaphysische Regionen begeben, um dort für ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmte nützliche Ziele zu erreichen.” (Mircea ELIADE)

Das Schamanisieren ist eine psychische Technik, die es gestattet, in eine metaphysische Region vorzudringen, um dort, im besten Fall, zum Wohle zu Wandeln. Hierbei gibt es unterschiedliche Techniken, wie man sich in den Zustand der Ekstase/Trance/Hypnose versetzen kann, um die Geister/Götter/Wesen der Anderswelt zu erobern.

Priesterin von Delphi, John Collier, 1891

Einen schamanischen Bewusstseinszustand erreicht man nach Christian RÄTSCH durch den Gebrauch von:11

1) psychoaktiven Pflanzen oder Substanzen,
2) den Einsatz rhythmischer Stimulation,
3) Kontrolle des Atems,
4) das Einnehmen bestimmter Körperhaltungen,
5) die Konzentration auf besondere Gegenstände.

Dieser schamanische Bewusstseinszustand wird in der Fachwelt auch als veränderter Bewusstseinszustand (engl. Altered States of Consciousness), außergewöhnlicher Bewusstseinszustand oder erweiterter Bewusstseinszustand bezeichnet. Doch sind sich die meisten Forschenden einig: „… without ASC (Altered States of Consciousness) there is no shamanism“12 (Mihály HOPPÁL)

In der nordeuropäischen eddischen Mythenwelt ist der Schamanengott Óðinn Abbild der heiligen Ekstase. Die Etymologie seines Namen lässt sich auf das altnordischem Wort óðr, so viel wie „Erregtheit, Dichtkunst, wütend, rasend, angeregt sein“ bedeutet, zurückführen. Die Endung inn wird im altnordischen mit „hinein, darin, innerhalb“ übersetzt.13

In der griechischen Mythologie wird Pythia (Pythios = der über dem Erdschlund waltende Gott), eine weissagende Priesterin im Orakel von Delphi, die ihre Prophezeiungen in veränderten Bewusstseinszuständen verkündete, erwähnt.14 Aber auch aus dem alten Ägypten sind uns textliche Anleitungen für tranceartige Heilmethoden (Trauminkubationen) im Papyrus Ebers (ca. 1550 v.u.Z.) gut erhalten geblieben.15

Die Ekstase/Trance/Hypnose ist ein Zustand höchster Form von Konzentration, wo man in sich gekehrt ist, aber alle Bewusstseinsebenen angeregt sind.

Das Wort Bewusstsein lässt sich übrigens auf das germanische Wort witja zurückführen, was so viel wie „Wissen, Verstand“ bedeutet.16 Hier schließt sich der Kreis zum Wort šaman, was so viel wie „jemand, der weiß“ bedeutet.

Sidefact: Eine Studie des Max-Planck-Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften konnte mit Messungen im Magnetresonanztomografen feststellen, dass sich bei in Trance befindenden Menschen das innere neuronale Kontrollnetzwerk verstärkte, wobei sich der auditorische Signalweg entkoppelte.17

  1. Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Va. Abt., Rep. 11, Nr. 1797. Das Schriftstück in dem das Zitat vorkommt ist eine Abschrift die den Titel „Max Planck auf einem Kongress in Florenz“ trägt und ist aus dem Nachlass von Katharina Horsch. Es konnte jedoch nie eindeutig verifiziert werden ob es sich tatsächlich um eine Rede von Max Planck handelte. Das Zitat wurde in folgendem Werk veröffentlicht: „Die schönsten Gebete der Welt – der Glaube großer Persönlichkeiten“ – zusammengestellt von Christoph Einiger, Südwest Verlag München, 1964 LINK
  2. Höffgen T.: „Schamanismus bei den Germanen“, Edition Roter Drache, 2020
    Die Götterlieder der Älteren Edda: Vafþrúðnismál, Vers 43, Übersetzt Arnulf Krause, Reclam, 2006
  3. Braem H.: „Die magische Welt der Schamanen und Höhlenmaler“, Dumont Buchverlag, 1994
  4. Eliade M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1975
  5. Znamenski A.: Jenseits von Sibirien – Schamanismus in der Wissenschaft und in zeitgenössischen Bewegungen des Westen, Artikel in Schamanen Sibiriens und ihr Vermächtnis, Erich Kasten, 2011 Fürstenberg/Havel: Kulturstiftung Sibirien
  6. „Shiva – der höchste Gott im Hinduismus“, Buddhapur Magazin LINK
  7. Simek R.:, „Lexikon der germanischen Mythologie“, Alfred Körner Verlag Stuttgart, 1995
  8. Zeus LINK
  9. Jupiter LINK
  10. Eliade M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1975
  11. Rätsch C.: „Schamanismus, Techno und Cyberspace“, Nachtschatten Verlag, 2019
  12. Gmoser K.: „Das Unsichtbare im Schamanismus. Ethnographischer Blick und schamanisches Sehen am Beispiel der Magar Zentralnepals und anderer Referenzen“, Diplomarbeit der Philosophie, Universität Wien, 2008
  13. Köbler, Gerhard, Altnordisches Wörterbuch, (6. Auflage), 2014 LINK
  14. Pythia LINK
  15. Die Universitätsbibliothek Leipzig bewahrt die größte und einzig vollständig überlieferte medizinische Papyrusrolle Altägyptens auf LINK
  16. Köbler G.: Germanisches Wörterbuch, (5. Auflage), 2014 LINK
  17. Hove M., Stelzer J.: „Brain Network Reconfiguration and Perceptual Decoupling During an Absorptive State of Consciousness“, Oxford University Press, 2015 LINK
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